Schriftenverzeichnis (mit Rezensionsauszügen)

 

 

Volker Nölle

Dr. phil.‚ em. Prof. der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft
(email: v.noelle@bluewin.ch)

Derzeitiges Forschungsgebiet sind vor allem intertextuelle Vernetzungen  und die Voraussetzungen für  Vergleiche unterschiedlicher, europäischer und außereuropäischer Literaturen. Untersucht werden derzeit vor allem Konvergenzen im Bereich von Mikrostrukturen. Bisher habe ich Werkkorpora jener Autoren zu eruieren versucht, deren Produktionsmodelle bzw. Grundszenarien auch in verschiedenen Entwicklungsphasen konstant bleiben. Mit  Analysen, die auf Freilegung der Strukturen und Konstanten zielen und somit auf Rekonstruierbarkeit  setzen, sollte erweisbar werden, dass wissenschaftliches Vorgehen von eminent didaktischer Relevanz ist. Zugleich lassen sich damit die Voraussetzungen erarbeiten, unter denen die Lesenden zum <creative reading> stimuliert werden können. Vgl. auch die Einleitungskapitel zu meinen Büchern über Hebbel, Kleist und Sternheim sowie verschiedene Aufsätze, so u.a.: Der schizoide Mund. Nachwirkungen von Tiecks «Verkehrter Welt» auf die Produktionsgrammatik späterer Autoren, in: U. Japp/ S. Scherer/ C. Stockinger:  Das romantische Drama. Produktive Synthese zwischen Tradition und Innovation, Tübingen 2000, S. 241–258.

 

1. Buchpublikationen:

Subjektivität und Wirklichkeit in Lessings dramatischem und theologischem Werk, Berlin 1977, 311 Seiten.
Rezensionen

Hebbels Dramatische Phantasie. Versuch einer kategorialen Analyse, Bern/Tübingen. 1990, 506 Seiten.
Rezensionen

Heinrich von Kleist. Die Nieder- und Aufstiegsszenarien. Versuch einer Phantasmata- und Modellanalyse. Mit einem Exkurs zu Hofmannsthal, Sternheim, Kafka und Horvath, Berlin 1997, 320 Seiten.
Rezensionen

Eindringlinge. Sternheim in neuer Perspektive. Ein Grundmodell des Werks und der Phantasie, Berlin, 2007, 532 Seiten.
Rezensionen

 

2. in Arbeit befindliche Buchprojekte:

Eine Phänomenologie dichterischer Unorte in deutsch- und fremdsprachigen Literaturen

Zur Grammatik dichterischer Phantasie. Von Lessing bis Kafka

 

3. Veröffentlichungen von Aufsätzen in Fachzeitschriften, Sammelbänden und Festschriften:

Zu Werkreihen, einzelnen Dichtern, zur Interdisziplinarität und Intertextualität sowie zu anderen methodologischen Gesichtspunkten:

Verspielte Identität. Eine expositorische «Theaterprobe» in Kleists Lustspiel Amphitryon, in: Kleist Jahrbuch 1993, S.160–180.

Narativni metaforika, in: Filosoficky Casopis Rocnik, Filosoficky Ustav 43/1995, S.385–399; Überarbeitung und Erweiterung eines Vortrages, gehalten an der Akademie der Wissenschaften in Prag 1994.

Hierarchie der Erzählweisen und ihre politische Dimension in Grillparzers Erzählung Der arme Spielmann, In:Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft, Jahrgang XXXVI/ 1995. 1. Halbband, S. 21–52.

Die mythische Einkleidung des Syllogismus. Lessings D. Faust und Philotas im Vergleich, in: Wolfram Malte Fues/ Wolfram Mauser, Verbergendes Enthüllen. Zur Theorie und Kunst dichterischen Verkleidens, FS für Martin Stern, Würzburg 1995, S. 91–104.

Die «reine Handlung». Die <Analytik der Historie> in interdisziplinärer Perspektive, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Dez. 1996, Jahrg. 26, Heft 104, S.158–165. Überarbeitung und Erweiterung des Vortrages an der internationalen Germanistentagung in Vancouver 1995.

Die unterdrückte <Auferstehung>. Hebbels Agnes Bernauer im Lichte von Bachofens Mutterrecht, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie, Bd.115; 1996 Heft 2, S.204–225.

Die Selbsttötung Penthesileas. Eine interpretatorische These im Prüfstand produktionsästhetischer und topologischer Fragen, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Dez. 1997, Jahrg. 27, Heft 108, S. 151–161.

Der Fallstrick des <rhetorischen Bedeutungsüberschusses>. Texte Kants und Sartres in interdisziplinärer Sicht, in: Poetica. Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, 30. Bd., 1998 Heft 3–4, S. 453–467.

Eine <gegenklassische> Verfahrensweise. Kleists Penthesilea und Schillers Jungfrau von Orleans, in: Wolfgang Barthel/Hans-Jochen Marquardt (Hrsg.), Beiträge zur Kleist-Forschung 1999, S.158–175.
Überarbeitung und Erweiterung eines Vortages an der Jagellonenuniversität in Krakau 1993.

Der schizoide Mund. Nachwirkungen von Tiecks Verkehrter Welt auf die Produktionsgrammatik späterer Autoren, in: U. Japp/ S. Scherer/ C. Stockinger: Das romantische Drama. Produktive Synthese zwischen Tradition und Innovation, Tübingen 2000, S. 241–258.
Überarbeitung und Erweiterung eines Referates, gehalten an der Tagung im September 1999 an der Universität Karlsruhe.

Beichten und ihre <Bruchstellen> in Erzählungen von Grillparzer, Gottfried Keller und Joseph Roth, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie, 120. Bd., 2001 Sonderheft, S.34–53.

Der Widerpart eines aufklärerischen Diskurses. Das Fossil von Carl Sternheim im Spiegel der Minna von Barnhelm, in: Lessing Yearbook Lessing Society 2002, S.7–20.

«Gestrüppgerüst». Das <Labyrinthische> der Texte – Texte <des Labyrinthischen> in Romanen Wolfgang Koeppens, Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft, München 2003, S.65–90.
Überarbeitung und Erweiterung eines Vortrages anlässlich des Kongresses «Der unbekannte Koeppen» im Oktober 2002 an der Universität in München.

Der Redner als Dichter und umgekehrt. Zu konzeptionellen Aporien in Walsers Friedenspreisrede, in: «Seelenarbeit an Deutschland». Martin Walser in Perspective, edited by Stuart Parkes and Fritz Wefelmeyer, Amsterdam, New York, NY 2004, S. 259–280.
Überarbeitung und Erweiterung des Vortrages der Konferenz im Mai 2002 am Institute of Germanic Studies der Universität London.

 

4. Aufsätze zur Schweizer Literatur:

Die «rissige Haut der Form». Intertextualität und das <Schehrezad>-Axiom in Hermann Burgers Roman Brenner I und II, in: Poetica 26.Bd., 1994, Heft1–2, S.180–204.

«Der neue Ovid». und einige Randgestalten. Kellers Figurendarstellung im Zeichen der Verwandlung, in: Physiognomie und Pathognomie. Zur literarischen Darstellung von Individualität. FS für Karl Pestalozzi zum 65. Geburtstag, Berlin, New York 1994, S.283–300.

Figurenanordnung und epochenspezifische Darstellungsmuster in Gottfried Kellers Erzählungen, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft Bd. XLIV, 2000, S.136–153.

Zwischen Auf- und Abbruch. <Von der mißlungenen Heimkehr> in Kellers Roman Der grüne Heinrich, in: Goncalo Vilas–Boas (Hrsg.) Partir de Suisse, Revenir en Suisse, Presses Universitaires de Strassbourg 2003, S.13–40;
Überarbeitung und Erweiterung eines Vortrages anlässlich eines Symposions über «Partidas e Chegadas» an der Faculdade de letras do Porto 2002.

Beichten und ihre <Bruchstellen> in Erzählungen von Grillparzer, Gottfried Keller und Joseph Roth (siehe unter 1.)

 

5. Aufsätze zu Friedrich Hebbel:

Hebbels Fundamentum concussum. Die Anderen und das «Gespenst» des «eigenen Ich», in: Hebbel-Jahrbuch 1987, S.57–69.

Der pragmatische Einschlag in Hebbels Theorie, in: Hebbel Jahrbuch, 1989, S. 195–203.
Schwert und «Bettlerstab». Zur Semantik des Epischen in Hebbels Nibelungen, in: Hebbel Jahrbuch 1990, S. 113–128.

Die Heimtücke der sublimierten Aggression in Hebbels Dramen, in: Günter Häntzschel (Hrsg.) «Alles Leben ist Raub». Aspekte der Gewalt bei Friedrich Hebbel.
Überarbeitung und Erweiterung des Vortrages anlässlich eines Symposions über <Aspekte der Gewalt> im Mai 1991 in Wesselburen.

Hebbels Münchner Traum – ein Kronzeuge seiner Metaphysik?, in: Hebbel Jahrbuch 1992, S.9–30.
Überarbeitung und Erweiterung des Vortrages gehalten anlässlich der im Mai 1991 stattgefundenen Jahreshauptversammlung der Hebbel-Gesellschaft in Wesselburen.

Die unterdrückte <Auferstehung>. Hebbels Agnes Bernauer im Lichte von Bachofens Mutterrecht (siehe unter 3.).

<Repräsentation> und restringierte Zeitdimensionen in Hebbels Tragödie Herodes und Marianne, in: Hebbel Jahrbuch 1998, S.81–94.

<Politisierter Totenkult> in Antigone und Agnes Bernauer, in: Hebbel Jahrbuch 1999, S.167–176.

 

6. Aufsätze zu Theaterinszenierungen:

Ein Maler und sein kolossales Bild. Alternative Überlegungen zu einer Emilia Galotti-Inszenierung, in: Begegnungen. Facetten eines Jahrhunderts, FS für Helmut Kreuzer, Doris Rosenstein/ Anja Kreutz (Hg.), Siegen 1997, S.287–294.

Der Preis eines ingeniösen Regieeinfalls. Zwei kontrastive Inszenierungen der Gerichtsszene im Käthchen von Heilbronn, in: Beiträge zur Kleist-Forschung 2002, S.297–312.

Die patrenale Zeichensprache in Hansgünther Heymes Inszenierung der Maria Magdalena (am Beispiel der Szene I/6), in: Hebbel Jahrbuch 2002, S.165–186.

Eine kleine Regieschule und die Bedeutsamkeit des Details. Am Beispiel von Klaus Peymanns Inszenierung des Torquato Tasso (III/2), erscheint demnächst.

 

 

Rezensionsauszüge zu den Publikationen:

Subjektivität und Wirklichkeit in Lessings dramatischem und theologischem Werk, Berlin 1977

Die umfangreiche Arbeit enthält eine Fülle von neuen Betrachtungen, Einsichten und Resultaten. Die instruktiven Abschnitte etwa über die <persuasive Strategie> in den theologischen Schriften, über das Spiel als zentrale Kategorie der Dramen oder über Dialog- und Metaphernformen machen das Buch ... überaus lesenswert.
(Horst Steinmetz, in: Deutsche Bücher 1979)

Nölle gelangt zu ausgezeichneten dramaturgischen Ergebnissen ... Er zeigt uns im einzelnen und von Stück zu Stück, wie das Spiel im Schauspiel als Unterricht und Therapie funktioniert.
(Peter Demetz, in: Büchertagebuch der FAZ 1980)

Hebbels Dramatische Phantasie. Versuch einer kategorialen Analyse, Bern/Tübingen 1990

Nölle resümiert, daß die dramatisch-intersubjektive Phantasie Hebbels ein Instrumentarium von Grundformen menschlichen Verhaltens zu beherbergen scheint, die gleichsam <abgerufen> werden, wenn ein neuer Stoff sich der dramatischen Bearbeitung empfiehlt.
Volker Nölle beeindruckt durch seinen innovativen Ansatz und seine stringente Argumentation. Auch wenn das hier entwickelte System dem Leser ein hohes Quantum von Konzentration abverlangt […], ist undenkbar, daß die künftige Hebbel-Forschung über Nölles Ergebnisse hinwegsehen kann.
(Günter Häntzschel, in: Hebbel Jahrbuch 1991, S. 183–186.)

Nölles Ansatz und seine Ergebnisse […] ermöglichen es, die Dramatik Hebbels im Bereich von Handlung und Motivik, Bildlichkeit und Problemschicht auf gemeinsame Nenner zu bringen, und vermeiden damit die Bedenklichkeit voneinander unabhängiger «Gehaltsinterpretationen» und «Formanalysen». Sie vermitteln darüber hinaus zwischen Autor und Werk; denn die «dramatische Phantasie» ist dem Autor zugehörig; deren «Kategorien» aber manifestieren sich im Werk und sind durch Interpretation und Abstraktion aus diesem gewonnen, auf das sie dann in einem weiteren Schritt erneut «appliziert» werden, da ja die dramatische Qualität und der Sinn des Textes sich erst aus der ästhetischen Umsetzung […] aus der Kohärenz und der Wechselbezügen der «Kategorien» in ihrer Objektivierung und Konkretisierung ergeben […] Der Zusammenhang des Ganzen verleiht den jeweiligen Argumenten eine besondere Stringenz.
(Helmut Kreuzer, in: Zeitschrift für deutsche Philologie)

It is certain that this book is the first comprehensive study of Hebbel's dramatic work since Klaus Ziegler's Mensch und Welt in der Tragödie Hebbels published 1938. Other, larger studies. e.g. by Lütkehaus, Martin, Scheffler, Kaiser, Sengle, Martini, or von Wiese are too onesided and not concerned with constants or aesthetic features to be serious competitors with Nölle's book. His monograph is exceedingly painstaking and thorough. In the future, it will be impossible for any Hebbel scholar to ignore it.
(Arthur Thilo Alt, Colloquia Germanica 26, 1993)

Heinrich von Kleist. Niederstiegs- und Aufstiegsszenarien. Versuch einer Phantasma- und Modell-Analyse. Mit einem Exkurs zu Hofmannsthal, Sternheim, Kafka und Horvath, Berlin 1997

Nölle gelingt es, in der kaum noch überschaubaren Forschungsliteratur eigenständige Fragestellungen zu finden, einen einleuchtenden Interpretationsansatz mit großer Konsequenz durchzuführen und in sehr umfassenden, detailgetreuen Interpretationen plausibel zu machen.
(Hartmut Steinecke, Universität Paderborn)

Nölles penibler textanalytischer Ansatz auf strukturalistisch-semiotischer Basis, der stets die Prämissen derUntersuchung offen legt, die Folgerungen immer neuen Proben unterzieht und nicht zuletzt alle verwendeten Begriffe klar definiert, ist in seiner interpretatorischen Redlichkeit vorbildlich und wohltuend. Der Leser wird mit Gewinn dazu angehalten, aus dem für Kleist notorischen Methodenkarussell eine Weile auszusteigen und sich im genauen Lesen der literarischen Texte sowie in der Verwendung einer präzisen literaturwissenschaftlichen Metasprache zu üben. […] An der Plausibilität und Fruchtbarkeit der Grundthese, dass die vertikale Strukturierung der Texte hierarchisch semantisiert ist und letztlich den Bezug von Immanenz und Transzendenz konnotiert, ist nicht zu zweifeln.
(Bernd Hamacher, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 04. 2002, S.625–628.)

Die Szenarien werden auf einem Abstraktionsniveau rekonstruiert, das zwar inhaltliche Strukturen berücksichtigt, aber von vornherein auf Modelle phantasmatischer Konkretisationen abzielt. Zu den Konstanten gehört der höhere Ort als Rampe, wobei die Topographie ideologisch, sozial oder mythologisch semantisiert wird, der niedere Ort, häufig als Garten exemplizifiert, der höher stehende Adressant (z.B. der Kurfürst oder Gott Jupiter), der niedere Adressat und schließlich die Botschaft. Es geht letztlich um die «Eruierung der Steuerungsmodelle der Phantasie» (18), mit denen die «Transzendentalien der dichterischen Phantasie» (21), also die Verfahrensweisen, in denen die Phantasmata über das Werk hinweg Modellcharakter gewinnen, aufgedeckt werden. Die Interpretationskraft für wichtige Aspekte wichtiger Einzeltexte steht außer Frage.
(Oliver Jahraus, in: Literatur und Wissenschaft, Würzburg 1998)

Eindringlinge. Sternheim in neuer Perspektive. Ein Grundmodell des Werks und der Phantasie, Berlin 2007

2007 erschien Volker Nölles umfangreiche Monographie Eindringlinge. Sternheim in neuer Perspektive, die sich durch ihre völlig neue Forschungsmethode auszeichnete. […] Nach einer umfassenden Darstellung des Motivs des Eindringens und der Dramaturgie der Grenzüberschreitung in den Werken Kleists, Hebbels, Schnitzlers, Kafkas, Feuchtwangers und Max Frischs und einer intertextuellen Untersuchung des produktionsästhetischen Aspektes in den Werken Sternheims und Molières führt Nölle eine umfassende strukturalistische und diskursanalytische Untersuchung begrifflicher, thematischer und ästhetischer Aspekte des Motivs der Grenzüberschreitung und Terrainverteidigung in den Dramen und Erzählungen Sternheims. Dieser Untersuchung sind nicht nur die bekanntesten Dramen des Zyklus «Aus dem bürgerlichen Heldenleben» unterzogen, sondern auch die bisher nicht einmal behandelten frühen Dramen Sternheims wie z. B. der zu Lebzeiten des Autors unveröffentlichte Einakter «Gespenster» (1898), die Dramen «Der Heiland» (1898), «Der Abenteurer» (1902–1907), «Vom König und der Königin» (1905) und das letzte Drama «Aut Caesar aut nihil» (1931). […] Bezüglich des Motivs des Eindringens untersucht Nölle darüber hinaus noch die Verbindung zwischen Sternheims Frühwerk und Hauptwerk und deren intertextuelle Verbindungen zu den Werken Dürrenmatts, Kafkas und Stendals. In den vielen syntagmatischen und paradigmatischen Relationen weist das Nöllesche strukturalistische Modell ein großes Forschungspotenzial auf.
Das Verdienst dieser Arbeit liegt darin, dass sie, […] eine entscheidende methodische Erweiterung und Entwicklung der bisherigen Sternheim-Forschung darstellt, die sich jahrzehntelang ausschließlich auf die Probleme des Moralischen und des Satirischen in Sternheims Werk und auf die werkimmanente Methode beschränkten. Dadurch, dass die Modelluntersuchung die Werke der unterschiedlichen Gattungen und Schaffensphasen Sternheims miteinander verbindet, bekommt die in der Forschung gestellte Frage nach der Einheit von Sternheims Werk eine Lösung. Die diskursive, offene Methode dieser Arbeit zeigt zugleich einen Weg für die zukünftige Sternheim- Forschung. […] Der Überblick über die Geschichte der Sternheim-Rezeption zeigt eine Tendenz der Sternheim-Forschung, die immer wertneutraler und methodenpluralistischer wird. Ersichtlich ist aber zugleich auch ein tendenzielles Nachlassen des Forschungsinteresses an Sternheims Werk seit 1995, vor allem seit 2000. Es macht den Eindruck, als wäre das Thema bereits erschöpft worden. Nölles strukturalistische Studie stellt aber ein überzeugendes Beispiel für weitere thematische und methodische Forschungsmöglichkeiten.
(Li Liu, Carl Sternheim und die Komödie des Expressionismus, Diss. der TH Karlsruhe, 2013)

Eindringlinge und Schwellenwächter bzw. Terrainverteidiger: Auf diese fundamentale Opposition führt Volker Nölle alle Konfigurationen zurück. Grenzüberschreitungen, Taktiken der Disziplinierung und Subversion, Objekte des Begehrens, Beutezüge und Tauschhändel, Simulationen und Fallstricke – überall bedrohen Eindringlinge scheinbar sichere Gebiete. Nölle versteht sein tiefenstrukturelles Grundmodell insbesondere als produktives Konstruktionsmuster in Sternheims Dichtungen, nutzt es jedoch äußerst erhellend für die dramaturgische Analyse und einen Rundgang durch das Figurenkabinett der zahllosen Abkömmlinge von ungebetenen Gästen, die sich unter dem Schleier der Legalität und Wohlanständigkeit Zugang zu fremden, oft auch intimen Bereichen verschaffen. Er untersucht metaphorische und kommunikativen Strategien und öffnet dabei immer wieder Fenster zu Dramatikern von Molière bis Dürrenmatt. […] Faszinierend ist die politische Brisanz und Aktualität der vielschichtigen Erscheinungen und Szenarien des Sternheimschen Eindringlings. Deshalb gehört Nölles Erforschung des archaischen, aber dauerhaft fortwirkenden Antagonismus von heimlichen Grenzbrechern und unheimlichen Grenzverteidigern in jede Theaterbibliothek.
(Elisabeth Eineke-Klövekorn, in: Kultur Nr. 62, Januar 2010)

Mit der Ausrichtung auf ein zentrales Modell der dichterischen Phantasie schließt die Studie methodisch an die Hebbel- und Kleistmonographien Nölles an; ein Band zur «Arbeit der kollektiven Phantasie an exponierten Konstellationen» soll folgen. Die Dimension dieses Großprojekts werden gänzlich offensichtlich, wenn man als Auftakt die Lessingmonographie von 1977 hinzunimmt, die ebenfalls nach gemeinsamen Strukturen beziehungsweise Analogien zwischen den Strukturen verschiedener Dramenfiguren Lessings sucht und der «Erkenntnis zentraler Intentionen und Gestaltungskräfte Lessings» dienen möchte. […] Das Buch zeichnet sich durch eine hohe Kohärenz aus, da die eingeführten Begriffe in den Analysen konsequent verwendet und immer wieder auf ihre Plausibilität hin überprüft werden. Über den angestrebten Nachweis des zugrundeliegenden Modells hinaus stellt die Studie luzide Analysen bereit, die auf profunden Textkenntnissen basieren.
Da Nölle auch zahlreiche Referenztexte genau kennt und zu Sternheim in Beziehung setzt – neben den besonders umfassenden und gelungenen Ausführungen zu Molière werden unter anderem Texte Dürrenmatts, Hebbels, Schillers, Shakespeares und Kafkas herangezogen –, ist die Arbeit ein Gewinn für die Sternheim-Forschung sowie speziell für intertextuelle Forschungsansätze.
(Anke Detken, in: Arbitrium 2009)

Nölle schreibt hier auch ein groß angelegtes Forschungsprojekt weiter, in dem die Sternheim-Arbeit trotz ihres gewaltigen Umfangs nur einen – allerdings besonders wichtigen – Baustein darstellt. Die früheren Bücher Nölles über Kleist und Hebbel waren Grundsteine dieses Modell-Baus, der Inszenierung von Wirkungsweisen der literarischen Phantasie.
(Hartmut Steinecke, Universität Paderborn, aus einem Gutachten für den SNF)

aus Rezensionen zu Aufsätzen:

Das romantische Drama. Produktive Synthese zwischen Tradition und Innovation. (Hg.) Uwe Japp, Stefan Scherer, Claudia Stockinger, (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 103) Tübingen 2000. XII S. 287

[…] Theoretische Reflexionen auf das «romantische Drama» […] Etwas anspruchvoller im Bereich der Theorie sind die vier Aufsätze von Jürgen Brummack, Volker Nölle, Ralf Simon und Michele Cometa. Alle wollen (tiefen)strukturelle Konstituenten des «romantischen Dramas» aufdecken. […] Ehrgeiziger noch Volker Nölle: Für ihn liefert das überaus häufige Aus-der-Rolle-Fallen romantischer Bühnenfiguren nicht weniger als ein Textgenerierungsmodell der romantischen Komödie. Selbstrepräsentation der Kunst allein genügt nicht als Merkmal. Die traditionelle mise en abyme, das ironisierende Spiel-im-Spiel gibt es ja spätestens seit Shakespeare. Das gesuchte Merkmal romantisch selbstverfremdender Rede liefern vielmehr jene Stellen, wo (wie z.B. in Tiecks Verkehrter Welt ) der Schauspieler gleichzeitig-undifferenzierbar als Schauspieler und als dargestellte Figur (hier: Apoll) spricht. Gerade das Irreduzible dieses schizoiden Redens steht für die radikale Grenzverletzung des ästhetischen Diskurses in der Romantik. Beispiele für die Wirksamkeit dieser Tradition findet Nölle in Kellers Das verlorene Lachen (die Wandtapete), Der zerbrochne Krug (die Verwechslung der Ebenen in Marthas Beschreibung des Krugs) und Pirandellos Heinrich der Vierte.
(Nicholas Saul, Unsichtbares Theater)

«Der unbekannte Wolfgang Koeppen» lautet der Themenschwerpunkt des erst kürzlich erschienenen zweiten Bandes der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft, der sich aus den Vorträgen des im vorigen Herbst tagenden Kongresses sowie drei zusätzlichen Beiträgen von Alfred Estermann und den beiden Herausgebern zusammensetzt. […] Ein Großteil der Vorträge zeichnet sich durch eine sehr präzise Vorgehensweise aus. Hierin voran vor allem Volker Nölle mit seiner zum Teil strukturalistisch-autorstilistischen Analyse zum <Labyrinthischen> in Koeppens Texten («Gestrüppgerüst». Das <Labyrinthische der Text> – Texte des <Labyrinthischen> in Romanen Wolfgang Koeppens).
(Evelyne von Beyme, Literaturwissenschaft und Literaturkritik.de Nr. 11 November 2003)